"Augmented Reality" (≃Erweiterte Realität) ist in aller Munde und hat sich auch auf dem MWC als der Hype für das kommende Jahr abgezeichnet. Auch aus diesem Grunde nutzte ich den letzten Mobile Monday in Düsseldorf zum gleichen Thema, bei dem u.a. die Augmented Reality Browser von Wikitude und Layar Vorstellung fanden.

Für Layar ist eine Symbian Version für "2010" (..) geplant, von der bereits exklusiv für das N97 verfügbaren Version 1.0 von Wikitude folgt in Kürze ein Versionssprung auf Version 4, welche eine Vielzahl neuer Features und Unterstützung für weitere Geräte bietet. Wir hatten Gelegenheit, einen Blick auf die PreRelease-Version zu werfen, die in wenigen Tagen offiziell über den OVI-Store und auch in Zukunft kostenlos verfügbar sein wird.

Augmented Reality - Was ist das?

Vorab einige Worte zum Thema "Augmented Reality". Unter der "erweiterten Realität" versteht man eine Abbildung der wahren Realität (z.B. durch den Sucher der Smartphone-Kamera oder anhand eines Photos), angereichert mit zusätzlichen Informationen, wie z.B. Produkten aus dem IKEA-Katalog. Letztgenannte Anwendung ist im Übrigen wohl die in den Medienberichten der letzten Zeit populärste Anwendung und erhielt sogar eine Auszeichnung als Mobile Werbekampagne des Jahres.

Im Regelfall sind die interessanteren Anwendungen aber noch ein wenig komplexer: Sie fangen nämlich nicht nur ein Abbild der Realität ein, sondern setzen sie mithilfe verschiedener Sensoren (z.B. GPS und Kompass) in Kontext zum aktuellen Bezugspunkt, also dem eigenen Standort und der Blickrichtung.

Mithilfe dieser erfassten Daten lassen sich nun verschiedene zusätzlich ortsabhängige Informationen auf dem Kamerabild darstellen. Dies können einerseits Daten von Wikipedia oder mit Positionsinformationen versehene ("geotaggte") Twitterfeeds abrufen, wie wir bereits anhand der ersten für Symbian verfügbaren Augmented Reality Anwendung ARound zeigen konnten.

Diese verschiedenen Informationsschichten (Twitter, Wikipedia im obigen Beispiel) nennen verschiedene Anbieter unterschiedlich: Ich nenne sie halt gern Schichten oder Ebenen, Layar bezeichnet sie sinngemäß ähnlich als "Layer", Wikutude als "Worlds".

In der Theorie ließen sich so wohl tausende Kontextinformationen abrufen (Layar hat für die kommende Version rund 1500 verfügbare Layer angekündigt!), was aber in der Praxis wohl zum totalen Informations-Overkill führen dürfte. Hier dürfte einer der eventuellen Schwachpunkte einiger aktuell verfügbarer AR-Browser liegen - es werden standardmäßig zu viele oder zu wenige Layer dargestellt oder die Möglichkeiten zur Individualisierung und Speicherung der persönlichen Vorlieben und Einstellungen sind mangelhaft.

Hier sinnvolle Lösungen zu finden, dürfte neben der Problematik genug interessante POIs ("Points of Interest" ≃ Punkte von Interesse) und Kontextinformationen mit echtem Mehrwert zu integrieren, wohl die Anforderung an Augmented-Reality-Browser der Zukunft darstellen.

Augmented Reality mit dem Symbian Browser Wikitude 4

Wikitude 4 geht hier in seiner künftigen Version noch einige Schritte weiter als bislang verfügbare AR-Browser und versucht Lösungen für oben geschilderte Probleme zu liefern. Kurz zusammengefasst wären dies:

Neue vorinstallierte Welten in Wikitude 4

Zum ersten hat Wikitude 4 in der neuen Version einige zusätzliche interessante Layer/Worlds vorinstalliert, darunter auch Google Local, Qype, flickr und Youtube, um nur einige zu nennen. Eine komplette Übersicht der in der Previewversion bereits vorgelegenen Worlds sieht man in den Screenshots. Die wichtigsten sind dabei bereits vormarkiert, weitere können sehr einfach hinzugewählt werden.

Kontextsuche in Wikitude 4

Die zweite sehr hilfreiche Funktion besteht in der Kontextsuche. Sucht man hier z.B. nach "Pizza", so bekommt man alle Restaurants, Photos, Youtube-Videos usw. angezeigt (je nach aktivierten Worlds) in denen Pizza verfügbar ist. Auch auf völlig fremdem Terrain besteht so also kaum noch eine realistische Möglichkeit zu verhungern - und dies selbst bei sehr speziellen Geschmackswünschen.

Der Clou besteht bei Wikitude 4 allerdings darin, dass sich der Radius der angezeigten Treffer einschränken lässt. Ist dieser Wert anfangs doch sehr großzügig gewählt  - im Test auf dem Nokia N97 aus unerfindlichen Gründen immer 73,61km - so lässt sich der Radius auch auf bis unter 1km herunterfahren um wirklich nur Nahziele anzuzeigen.

Favoritenmanagement bei Wikitude 4

Aufgrund der Vielzahl der in Zukunft zu erwartenden Welten ist in die neue Version des AR-Clients bereits ein Favoritenmanagement integriert. Dieser erwies sich aber in meinem Test für meine ganz persönlichen Bedürfnisse und Empfinden als zu kompliziert bzw. nur mit zu vielen Klicks zu handhaben. Hier besteht meines Erachtens nach noch ein wenig Nachbesserungsbedarf.

Social Media in Wikitude 4 ?!

Ja, und dies dürfte wohl der Clou schlechthin für viele Nutzer sein: Über das Portal Wikitude.me kann jeder über eine integrierte Google-Maps Anwendung, bei der man sich über Twitter, Facebook, Google oder Yahoo!-ID anmelden kann, eigene POIs integrieren, die dann über die Wikitude.me-"Welt" angezeigt werden können, eine Art "Wikitude Social World", die sich in ungefähr wie Wikipedia für jeden User offen zeigt. Die Verzögerung bis zur eigentlichen Veröffentlichung beträgt dabei maximal 24 Stunden. In meinem Test gab es aber in meinem Umfeld - Köln - bislang nur 4 POIs in der Wikitude-World.

Wie dies funktioniert, veranschaulicht folgendes, leider nur in englischer Sprache verfügbares Video ganz gut:

Komplett eigene Welten in Wikitude 4 !

Damit ist aber noch nicht Schluss: Wer komplett eigene POI-Listen erstellen möchte oder eine Vielzahl von POIs bei Wikitude.me importieren möchte, hat auch dazu die Möglichkeit. Entweder über das durch Google-Earth, welches auch zur Erstellung der POIs genutzt werden kann, recht bekannte KML-Format oder alternativ durch das Wikitude-hauseigene ARML-Format.

Das ARML-Format ("Augmented Reality Meta Language") ist dabei der wohl erste Versuch, eine gemeinsame Metasprache zur Auszeichnung von AR-Objekten zu finden und somit ein interessanter Vorschlag an die AR-Community. Hier hat man begrüßenswerterweise früh eingesehen, dass es nicht zielführend sein kann, wenn Entwickler für unterschiedliche AR-Anwendungen bereits vorliegende Informationen jeweils anwendungsbezogen vielfach konvertieren müssen. Ob diese Beschreibungssprache sich letztendlich durchsetzen wird, sei zu diesem frühen Zeitpunkt noch dahingestellt.

Mithilfe der ARML-Dateien für Wikitude steht dem Anwender jedoch auch die Möglichkeit zur Verfügung diese z.B. auf den eigenen Server zu laden und so nur einem begrenzten Nutzerkreis zur Verfügung zu stellen. Diese lassen sich über eine zusätzliche Option in den Einstellungen von Wikitude 4 auch direkt abrufen. Etwas weiter gedacht würden sich so auch serverseitig generierte ARML-Listen generieren lassen. Möglichkeiten zu entweder händisch oder dynamisch generierten Welten kämen mir dabei direkt zuhauf. Mehr als ein direkter ARML-Link lässt sich aber bislang weder aufrufen noch in den Favoriten speichern.

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei ein Blick auf "How to add Content to Wikitude 4.0" empfohlen, hier sind auch geschäftliche Modelle verfügbar, eine (kommerzielle) API wird außerdem in Aussicht gestellt.

Wikitude 4 - Komplette Programmierung in Qt

Eine der interessantesten Randnotizen dürfte wohl sein, dass Wikitude 4 komplett in Qt programmiert wurde, was die Portierung auf andere Plattformen und die Pflege des Codes erheblich vereinfachen soll. Insofern ist von Wikitude auch eine Version für Maemo angekündigt, über einen genauen Veröffentlichungszeitpunkt wissen wir allerdings bislang noch nichts genaues, halten euch aber zu dem Thema natürlich gern auf dem Laufenden.

Damit ist Wikitude 4 außerdem überhaupt eine der ersten verfügbaren Anwendungen für die vor gar nicht langer Zeit erst vorgestellte Qt Plattform. Der als Installerdatei allein 10MB umfassende Qt-Installer muss dabei zunächst vor der Installation des Wikitude Clients auf dem Telefonspeicher C: vorinstalliert werden. Hierüber erfolgt das Management aller benötigten zusätzlichen Libraries (≃Programmbibliotheken), wie z.B. der im Installationsprozess direkt mit installierten:

  • OpenC LIBSSL Common (1kB)
  • OpenC LIBSSL Patch  (39kB)
  • PIPS Installer (1kB)
  • Qt Installer (10MB)
  • Qt (6MB)
  • Qt Webkit (3MB)
  • Standard C++ LibCommon (1kB)
  • Standard C++ LibCommon Patch (108kB)
  • Symbian OS Pipes Upgrade (6kB)
  • Symbian OS PIPS Upgrade (245kB)
  • Upgrade for OpenC Libs Support (29kB)

Macht unter dem Strich knapp 20MB Telefonspeicher, die dem Nutzer und Betriebssystem "verloren" gehen. Eine Installation des Qt-Installers auf dem Massenspeicher E: ist leider nicht möglich, hier bricht die Installation mit einer Fehlermeldung ab.

Dabei ist allerdings auffällig und interessant, dass die eigentlichen Programmbibliotheken recht klein und lediglich die "Grundbausteine" vergleichsweise groß sind. Für die Zukunft dürfte dies ebenfalls bedeuten, dass ggf. zusätzlich benötigte Libraries wenig Speicherplatz kosten dürften der sich (zumeist) im Kilobyte-Bereich bewegt und die Größe zukünftig erscheinender Programme aufgrund der gemeinsam genutzten und häufig bereits vorinstallierten Programmbibliotheken weiterhin reduzieren und erheblich vereinfachen dürfte. Eine erneute Installation des Qt-Installers sollte dann nicht mehr notwendig sein.

Die Installerdateien für diesen komplexen Client sind somit für die 3rd Edition auch nur 670kB, für die 5th Edition sogar nur 656kB groß  und können auch auf dem Massenspeicher E: installiert werden.

Anmerkung: Diese Beschreibung des Installationsverlaufs mithilfe des Qt Installers gilt ausschließlich für die PRE-Releaseversion. Für die Releaseversion ist in Zusammenarbeit mit Nokia eine noch weiter optimierte und vereinfachte Installation vorgesehen, die die Dateigrößen zusätzlich auch nochmals verkleinern soll.

Fazit zu Wikitude 4

Mit drei Worten?! - "Empfehlung der Redaktion"!!

Langschriftlich: Das Programm macht nicht nur Spaß, sondern ist auch äußerst informativ! So erkunde ich seit meinem Test immer mal wieder mein Umfeld auf Wikipedia-Informationen, Beiträge zu Restaurants aus dem Stadtführer Qype der mir ähnlich wie Google Local auch Bewertungen anzeigt oder Events, die in der Umgebung stattfinden. Selbst im meinem bekannten Umfeld lerne ich so täglich interessante neue Dinge.

Noch viel wertvoller ist das Ganz natürlich, wenn man sich auf unbekanntem Terrain bewegt oder konkret und möglichst zeit/nah eine bestimmte Dienstleistung finden möchte. Aber auch für die Unterhaltung und den puren Zeitvertreib ist, eine entsprechende Datenflatrate vorausgesetzt, ausreichend gesorgt wenn man die flickr und Youtube-Welten aktiviert. So ergibt sich meiner Meinung nach für jede Zielgruppe ein nennenswerter Mehrwert.

Die Möglichkeiten die sich damit ergeben, scheinen mir unendlich, insbesondere wenn man ARML in Betracht zieht. Von der eigenen Schnitzeljagd über persönliche Landmarken, die man sich für einen Urlaub setzt bis hin zu dynamisch generierten Daten, die sich z.B. aus den Positionen von bestimmten Nutzer/-gruppen zusammensetzen.

Wikitude 4 gehört in jedem Fall auf jedem unterstützten Smartphone installiert! - kostet nichts,  macht einen Haufen Spaß, ist eine Anwendung, die man auch gern Freunden und Bekannten bei entsprechender Gelegenheit zeigt und lässt Dich in jedem Fall auf der höchsten Welle des aktuellen mobilen Hypes mitreiten ;)

Weitere Infos und Downloads

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